"Empfange und Du wirst einen Sohn gebären, welcher der Herrscher über die Erde werden wird..." Vorstellungen über Geburt und Tod Tschinggis Khans morepublished in: Chronica. Annual of the Institute of Szeged, 2007-2008; Vol. 7-8, p. 220-232. |
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Empfange und Du wirst einen Sohn
gebdren, welcher der Herrscher iiber
die Erde werden wird..
Vorstellungen iiber Geburt und Tod Tschinggis Khans
Johannes Steiner
Weder von Tschinggis Khans Tod, noch von seiner Geburt haben wir genaue In-
formationen und wenn wir Nachrichten daruber besitzen, dann sind diese kaum
befriedigend bzw. widersprllchlich. Umstande, Ort und Zeit liegen fur uns heute
im spekulativen Dunklen. Dies hatte, was Geburt und Tod Tschinggis Khans be-
trifft, verschiedene Ursachen. Letztlich fuhrt es aber zum gleichen Ergebnis, nam-
lich zur Entstehung von Legenden, die die Bedeutung Tschinggis Khans - nicht
nur fur die Mongolen2 - hervorheben. Bevor wir uns mit ausgewahlten Darstel-
lungen von Geburt und Tod Tschinggis Khans auseinandersetzen, ein paar kleine
Vorbemerkungen:
1) Legenden um Geburt und Tod und deren Inszenierung werden fur politi-
sche, wirtschaftliche oder religiose Zwecke bentitzt. Geburts- und Abstammungs-
legenden, sei es, dass man seine Herkunft von einem Gott, einem Totemtier oder
einer sich schon etablierten Dynastie herleitet, dienten und dienen ebenso wie die
Berufung auf den rechtmafiigen Besitz eines „magischen" Gegenstandes der poli-
tischen Legitimation eines Machtanspruches.3
1 J. A. Boyle, „Kirakos of Ganjak on the Mongols," Central Asiatic journal 8 (1963), S. 203.
2 z.B. J. Miyawaki-Okada, „The Japanese Origin of the Chinggis Khan Legends," Inner
Asia - New Journal 8 (2006), S. 123-134.
3 Mongolische Berichte beschrieben Anfang des 19. Jahrhunderts die Erscheinung eines.
Regenbogens bei der Geburt Tschinggis Khans. Quellenbelege in: F. A. Bischoff-K. Sa- !
gaster, „Das Zaubersiegel des Cinggis Khan," in W. Heissig, Hg., Gedanke und Wirkung.,
Festschrift zum 90. Geburtstag von Nikolaus Poppe (= Asiatische Forschungen, Bda
108). Wiesbaden 1989, S. 58, Aran. 52. Die Geburt des 1994 verstorbenen nordkoreanisH
chen Prasidenten Kim-Il-Sung sollen ein doppelter Regenbogen und ein Stern ange-!
zeigt haben. Vgl. S. Jager, „Nordkorea - Scheinwelt bitterer Armut," Kleine Zeitung, 2.1
220
Empfange und Du wirst einen Sohn gebaren, welcher der Herrscher ...
2) Es ist eine religiose Vorstellung, dass sich bei aufiergewohnlichen Men-
schen sowohl beim Eintritt in das Leben - festgemacht an der Geburt - als auch
beim tibergang vom Leben zum Tod liberirdische Zeichen offenbaren.
3) In der Uberlieferung finden sich im Schema einer kausalen Rilckprojektion
daher auch zahlreiche Berichte uber von der Geschichte als „grofi" beurteilte Per-
sonen, welchen eine Aufiergewohnlichkeit zugesprochen wurde, die sich eben
auch in Geburt und Tod der betreffenden Menschen widergespiegelt haben soli.4
4. ) Die ideelle Zusammenftihrung (aus politischen oder religiosen Griinden)
verschiedener Uberlieferungsstrange fiihrt zur Entstehung neuer Traditionen.
5. ) Ein optimaler NaTirboden zur Bildung von Legenden besteht dort, wo die
naheren Umstande eines als wichtig empfundenen Ereignisses unklar bzw. um-
stritten sind. Die langanhaltende Wirkmachtigkeit von „Klatsch und Tratsch"
darf auf keinen Fall unterschatzt werden.
Sehen wir uns nun in weiterer Folge an, was die Quellen liber Geburt und Tod
Tschinggis Khans zu berichten wissen:
Wir kSnnen mit Sicherheit davon ausgehen, dass man zur Geburtsstunde
Temudschins, dem spateren Tschinggis Khan, keineswegs wusste, wie wichtig
der Saugling einst werden sollte. Das illustriert schon allein die Tatsache, dass
nicht einmal das Geburtsjahr Temudschins - der wohl um 1165 geboren sein
diirfte - gesichert ist. Das Geburtsdatum wird in den Quellen unterschiedlich an-
gegeben und bietet noch heute Stoff fur Debatten, wahrscheinlich wusste er es
selbst nicht.5
In einem Punkt sind sich die mittelalterlichen Berichte jedenfalls einig, nam-
lich dass die Geburt des grofien Mongolenkhans - sei er nun von ihnen in weite-
rer Folge negativ oder positiv beurteilt - etwas Besonderes gewesen sein muss,
was ihn erkennbar von alien anderen Erdenmenschen hervorhob. Noch heute
wird ubrigens bei den Mongolen die erste Waschung eines Neugeborenen in Er-
innerung an den neugeborenen Tschinggis durchgefuhrt.6
Wenn wir uns der mongolischen Oberlieferung zuwenden, dann ist dabei die
sogenannte Geheime Geschichte der Mongolen (GG) (mongol. Manghol un niuca
April 2007, S. 9. Der Regenbogen ist als gliicksverheifiendes Motiv des irdischen Heil-
bringers zu verstehen. Im Altan tobci erscheint ein Regenbogen bei der Geburt von
Hung-wu. Vgl. Ch. Bawden, Hg., The Mongol Chronicle Altan Tobci. Text, Translation
and critical Notes (= Gottinger Asiatische Forschungen 5). Wiesbaden 1955, § 53, S.
149-150 und ebda., Aran. 2.
4 „Geburt und Jugend der Grofien der Geschichte sind meist in Dunkel gehiillt [...].
Dann erst, wenn er im grellen Scheinwerferlicht der Geschichte steht, setzt die Apo-
theose in Form von Legenden ein, die schon in dem neugeborenen Saugling die kiinf-
tige Grofie ahnen liefien." W. L. Hertslett, Der Treppenwitz der Weltgeschichte. Geschicht-
liche Irrtiimer, Entstellungen und Erfindungen. Berlin 121967, S. 15f.
5 P. Ratchnevsky, dnggis-Khan. Sein Leben und sein Wirken (= Miinchner Ostasiatische
Studien 32). Wiesbaden 1983, S. 18. Zu Fragen des Geburtsdatums vgl. u.a. die umfas-
senden Ausfiihrungen bei P. Pelliot, Notes on Marco Polo J. Paris 1959, S. 282-288, 290f.
6 Vgl. A. Birtalan, „The Mongolian Great Khans in Mongolian mythology and folklore,"
Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungariae 58: 3 (2005), S. 304f.
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Johannes Steiner
tobca'an), welche wohl kurz nach dem Tod Tschinggis Khans entstanden ist, vor-
anzustellen.
Schon der erste Absatz der GG, der vom Ursprung Cinggis Qans berichtet, lei-
tet die Herkunft des Bordschigin Stammes, dem Tschinggis Khan angehorte, von
mythischen Totemtieren ab: „Einst lebte ein blaugrauer Wolf, geboren mit Vor-
herbestimmung vom Himmel oben. Seine Gattin war eine falbe Hirschkuh..."7
Nach einer langeren Genealogie ebendort wird iiber die Geburt Temiidschins, ei-
nes Knaben mit „feurigen Augen und glanzendem Gesicht", berichtet: „Er kam
mit einem Blutklumpen in seiner rechten Hand zur Welt, so grofi wie ein Spiel-
knochel."8 Der Blutklumpen hatte eine schwarze Farbe gehabt.9
Im Yuan-shih, den chinesischen Reichsannalen (nach dem Sturz der von Khu-
bilai-Khan begrtindeten Yiian-Dynastie 1369/70 kompiliert), findet dieses Ge-
burtsomen ebenfalls Eingang. Dort heifit es, dass die Hand des Neugeborenen ei-
nen Klumpen Blut gehalten hatte, fest wie einen roten Stein.10 Eine Geschichte, die
auch im Sammler der Geschichten {DschamVad-tawarikh; fertiggestellt um 1312) des
persischen Chronisten Raschid ad-Din nicht fehlen darf. Bei ihm sieht der Klum-
pen geronnenen Blutes in der zur Faust geballten rechten Hand des Neugebore-
nen wie ein Stuck getrocknete Leber aus.11
Erzahltechnisch hebt der Blutklumpen in der Hand des Neugeborenen dessen
Besonderheit hervor und verweist auf ein zuktinftiges - wohl mit Blut verbunde-
nes - Schicksal; auch Temiidschins Vater Yesiigei ware darob „verwundert" ge-
wesen.12 Ob Temiidschin bei der Geburt wirklich geronnenes Blut in der Hand
gehalten hat, oder ob wir es hier mit einer nachtraglichen Erfindung zu tun ha-
ben, wage ich nicht zu beurteilen. Medizinisch ware ein solches Phanomen
durchaus vorstellbar.13 Der Blutklumpen in der Hand des Neugeborenen ist ein
7 Die Geheime Geschichte der Mongolen. Aus dem Mongolischen ilbertragen und kommen-
tiert von M. Taube. Miinchen 1989, § 1, S. 5. Vgl. P. Poucha, „Zum Stammbaum des
Tschingis Chan," in J. Schubert und U. Schneider, Hgg., Asiatica. Festschrift Friedrich
Weller. Zum 65. Geburtstag gewidmet von seinen Freunden, Kollegen und Schulern.
Leipzig 1954, S. 442-452; M. Dobrovits, „The turco-mongolian tradition of common
origin and the historiography on fifteenth century Central Asia," Acta Orientalia Aca-
demiae Scientiarum Hungariae 47:3 (1994), S. 269-277.
» GG (wie Anm. 7), § 59, S. 18.
9 Ebda., § 78, S. 26.
10 F. E. A. Krause, Cingis Han. Die Geschichte seines Lebens nach den chinesischen Reichsanna-
len (= Heidelberger Akten der von-Portheim-Stiftung 2). Heidelberg 1922, fol. 3b, S. 11.
11 O. I. Smirnova, Ubers., Rasid-ad-din. Sbornik Ijepotisej Band I, Buch 2. Moskau-Lenin-
grad 1960, S. 76.
12 Vgl. Krause (wie Anm. 10), fol. 3b, S. 11. Als Geburtsomen ist ferner die Episode der
Namensgebung zu sehen. Vgl. GG (wie Anm. 7), § 59.
13 Es konnte sich durchaus um einen Teil des Mutterkuchens bzw. einfach um geron-
nenes Blut gehandelt haben. Fur diese Auskunft bin ich Frau DGKKS Maria Mindler
(Oberschutzen) zu Dank verpflichtet. Pelliot vermutet, dass es sich bei der Vorstellung
des Neugeborenen mit dem Blutklumpen um ein Element buddhistischer Provenienz
handeln konnte, welches Eingang ins schamanistische Gedankengut asiatischer Stamme
gefunden hatte. Desweiteren fande sich eine weitere Parallele in der iranischen Tradi-
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Empfange und Du wirst einen Sohn gebAren, welcher der Herrscher ...
einpragsames Bild - so verwundert es kaum, wenn der bekannte, Mitte des 20.
Jahrhunderts von C. C. Bergius verfasste Roman Dschingis Khan mit den Worten
beginnt: Aus der Faust des Knaben rann Blut - rot wie Rubin.u
In den lamaistischen Schriften des 17. Jahrhunderts finden wir eine intentiona-
le Ausschmuckung des Motivs.15 Darin wird von Temiidschin berichtet, dass er
bei seiner Geburt anstelle des Blutklumpens in seiner rechten Hand das Staats-
siegel gehalten habe,16 als Zeichen des zur Herrschaft erkorenen koniglichen Helden.17
Beispielsweise behauptet Tschinggis Khan von sich im Altan Tobci (um 1655 da-
tiert)18 gegeniiber seinen Briidern: „Formerly when I was born, in my right hand
there happened to be, from the throne of the dragons and by the order of the
mighty Buddha, the Qasbuu seal."19 In der Symbolik macht es ihn damit zum zu-
ktinftigen Weltherrscher, der schon bei seiner Geburt ein word mit magischen
tion. So: Pelliot, (wie Anm. 5), S. 288f. Auch Temudschins Bruder Qasar soil mit einem
derartigen Blutklumpen zur Welt gekommen sein. Belegbar scheint diese Vorstellung
aber erst Mitte des 18. Jahrhunderts im Altan tobci des Mergen blam-a-yin zu sein. Vgl.
Bischoff-Sagaster (wie Anm. 3), S. 62; Quellenverweis: ebda., Anm. 76.
14 C. C. Bergius, Dschingis Khan (erstmals veroffentlicht 1951 unter dem Titel: „Blut und
Bliiten fur Dschingis-Chan"). Munchen 1993, S. 7.
15 Vgl. dazu die ab Mitte 17. Jh.'s bis Mitte 18. Jh/s dieser Tradition folgenden mongolis-
chen Chroniken: Bischoff-Sagaster (wie Anm. 3), S. 52; A. Birtalan, „Die Mythologie
der mongolischen Volksreligion," in E. Schmalzriedt und H. W. Haussig, Hgg., Worter-
buch der Mythologie, Bd. 7, 2: GOtter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien.
Stuttgart 2004, s. v. Abstammungsmythos der Bordschigid, S. 933-935.
16 Im Tschinggis Khan Kult findet sich die Vorstellung, dass er mit einem gottlichen Sie-
gel geboren wurde. Weiters berichten mongolische Chroniken, dass Yesugei ihm das
Siegel bei seiner Geburt gegeben hatte bzw. dass das Siegel ihm von einem Konig aus
der chtonischen Geisterwelt in die rechte Hand gelegt wurde. Bischoff-Sagaster (wie
Anm. 3), S. 60-62. Vgl. auch: H. Franke, From Tribal Chieftain to Universal Emperor and
God: The Legitimation of the Yuan Dynasty (= Bayerische Akademie der Wissenschaften,
phil.-histor. Kl. Sitzungsberichte, Heft 2). Miinchen 1978, S. 42-46; H. Okada, „The Im-
perial seal in the Mongol and Chinese tradition," in G. Stary, Hg., Proceedings of the 38th
PIAC Kawasaki, Japan: August 7-12, 1995, Wiesbaden 1996, S. 273-280; A. Sarkozi,
„Mandate of heaven. Heavenly support of the Mongol ruler," in B. Kellner-Heinkele,
Hg., Altaica Berolinensia. The concept of sovereignty in the Altaic world. PIAC, 34th Meeting,
Berlin 21-26 July, 1991 (= AF126). Wiesbaden 1993, S. 215-221.
17 Bischoff-Sagaster (wie Anm.-3), S. 62. Die Siegelgeschichte in all ihren Ausformungen
steht in keiner autark mongolischen Tradition - abgesehen davon war ein Siegel vor
der Inthronisierung und der darauf folgenden Verwaltungsreform Tschinggis Khans
fur die Mongolen zweifellos nutzlos. Die Verleihung eines „himmlischen Siegels" zur
Legitimierung der mongolischen Macht war nicht vonnoten; wir finden in dieser Ge-
schichte aufiere Einflusse, die die Mongolen in ihrer Tradition sehen wollen. Vgl.
Franke (wie Anm. 16), S. lOf.
18 Seine eigentliche Geburt wird dort nur marginal erwahnt: Altan Tobci (wie Anm. 3), §
12, S. 118.
19 Altan Tobci (wie Anm. 3), § 36, S. 136f. Weiters taucht eine himmlische Jadeschale auf,
aus der nur Tschinggis zu trinken vermag. Er deutet diese Zeichen auch gleich: I think I
am the Lord with a supreme destiny. Wiederholung der Erzahlung in ebda., § 37, S. 137.
223
Johannes Steiner
Kraften ausgestattetes Himmelssiegel innehat. 20 Mit solchen Vorstellungen eng
verbvinden ist die Heroisierung, die Tschinggis zu einer (Schutz-)Gottheit mit ei-
genem Kult machte.21
Ebenfalls buddhistisch gepragt ist das aus der zweiten Halfte des 17. Jahr-
hunderts stammende Erdeni-yin tobtschi des Sagang Setschen (SaSe). Obwohl sich
SaSe, der sich als Nachfahre Tschinggis Khans sah, ansonsten gerne iiber Wunder
und Vorzeichen ausbreitet, behandelt er das Ereignis der Geburt kurz,22 bei ihm
lesen wir nur, dass Temudschin unter merkwiirdigen Zeichen geboren23 wurde.
Einen Hinweis darauf, dass bei den Mongolen nicht nur die von merkwiirdi-
gen Zeichen begleitete Geburt, sondern auch die ubernaturliche Zeugung
Tschinggis Khans ein Thema war, finden wir bei der in der zweiten Halfte des 13.
Jahrhunderts verfassten Geschichte des Armenischen Volkes. Der Autor, der Arme-
nier Kirakos von Gandzak, einst als Gefangener im Dienste der Mongolen, berichtet
ebenfalls von der mirakulosen Geburt Tschinggis Khans, die ihm ein hoher Mili-
20 Der Zeitpunkt der Uberreichung des Siegels an Tschinggis Khan wird nicht einheitlich
dargestellt. Wichtig scheint den Autoren allein die Symbolik, die den Besitzer des
Himmelssiegels, Tschinggis Khan, als Weltherrscher sieht. Vgl. Bischoff-Sagaster (wie
Anm. 3), S. 52 und ebda., Aran. 1-3 (Quellenbelege).
21 Vgl. z.B. E. Chiodo, „Yamantaka and the Siilde of Cinggis," in K. Kollmar-Paulenz-
C. Peter, Hgg., Tractata Tibetica et Mongolica. Festschrift fur Klaus Sagaster zum 65. Ge-
burtstag. Wiesbaden 2002, S. 55 bzw. ebda., Anm. 73. Tschinggis Khan, seine Frau oder
Mutter wurden u.a. im Kult als Schopfer des Feuers angesehen: N. Pallisen, „Die alte
Religion der Mongolen und der Kultus Tschinggis-Chans," Numen 3 (1956), S. 219. Im
tibetisch-mongolischen Buddhismus wird er als Sohn des „Glanzenden Weifien Him-
mels" verehrt und verkorpert als irdischer IdealkOnig den indischen Gotterkonig
Brahma: K. Sagaster, „Der Buddhismus bei den Mongolen," in W. Heissig und C. Miil-
ler, Hgg., Die Mongolen. Innsbruck 1989, S. 234f. Er gilt auch als Demiurg: Yu. I. Dro-
byshev, „ Funeral and Memorial Rituals of the medieval Mongols and their underlying
worldview," Anthropology & Archeology of Eurasia 45:1 (2006), S. 65-92, hier S. 91, Anm.
128; auf den Kulturheros Tschinggis sollen neben gewissen Gebrauchen auch Tabak
und Kumys zuriickgehen. Im Lamaismus gilt er als Weltherrscher; seine Abstammung
wird darin auf den indischen Konig Mahasamadhi zuruckgefuhrt. Vgl. Birtalan (wie
Anm. 15), S. 973.
22 Vgl. Bischoff-Sagaster (wie Anm. 3), S. 41, Anm. 3.
23 Nach: Sagang Secen, Geschichte der Mongolen und ihres Fiirstenhauses. Aus dem Mongo-
lischen iibersetzt von I. J. Schmidt. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort ver-
sehen von W. Heissig. Zurich 1985, S. 91. Laut Bischoff-Sagaster wurde die Uberset-
zung Schmidts aber irren und so richtig lauten: „ein mit wundervollen Kennzeichen
begabter Knabe geboren ward", mit Malen [...] also, wie sie den Buddha zieren. Nach:
Bischoff-Sagaster (wie Anm. 3), S. 41 bzw. Anm. 3. Vielleicht hat SaSe die Geburt
„ganz bewusst unter der buddhistischen Formel verborgen," ebda. In der buddhistis-
chen im Jahre 1333 fertiggestellten Chronik Fo-tsu- li-tai t'ung-tsai wird die Geburt
Tschinggis Khans als ein besonderes heilsgeschichtliches Ereignis herausgegriffen und
in buddhistische Vorstellungen eingebunden. Vgl. Franke (wie Anm. 16), S. 55, und
Anm. 111.
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Empfange und Du wirst einen Sohn gebaren, welcher der Herrscher ...
tar erzahlt habe:24 Tschinggis Khan ware nicht durch einen Menschen gezeugt
worden, „but a light came from the unseen and entered through the skylight of
the house and said to his mother: ,Conceive and thou shalt give birth to a son
(who shall be) emperor of the earth.' And by this (light), they say, she bore
him."25 Das von Kirakos tiberlieferte Lichtempfangnismotiv, welches Tschinggis
Khan eine gottliche Abstammung zuspricht, ist die Ubertragung einer weit ver-
breiteten Wundergeschichte, die sich u.a. ursprunglich in der GG wieder findet.
Dort ist es aber nicht Temudschins Mutter, Ho elun, die durch einen Lichtstrahl
geschwangert wird, sondern die mythische Ahnfrau der Bordschigin namens
Alan CToa26, welche nach dem Tod ihres Marines (Dobun Mergen) auf unerklarli-
che Weise drei Mai schwanger wurde und die Geburt der Sohne wie folgt erklart:
„Jede Nacht kam ein glanzender gelber Mann auf dem Lichtstrahl, der durch die
Rauchoffnung oder auch iiber der Jurtentur hereinfiel, streichelte meinen Bauch,
und sein Strahl senkte sich in meinen Leib. Wenn er mich verlieB, kroch er wie
ein gelber Hund auf dem Sonnen- oder Mondstrahl heraus. ... Es sind Sohne des
Himmels."27
Dieselbe Erzahlung ist auch dem arabischen Geschichtsschreiber al-Umari
(1301-1349; im mamlukischen Staatsdienst) Mitte des 14. Jahrhunderts gelSufig.28
Im Anschluss an die Erzahlung vermerkt er aber: Die Geschichte iiber die Abstam-
mung Ginkiz Han's ist (als solche) gemeine Luge und unwahres Gerede, wenn sie auch
von der Frau aus gesehen richtig sein mag. Vielleicht hat sie eine List angewandt, um der
Hinrichtung zu entgehen, vielleicht hat sie auch die Erzahlung von der unbefleckten
Jungfrau Maria gehort, sich den ahnlichen Fall zunutze gemacht und so die Leute ent-
sprechend jener wahren und tatsachlichen Begebenheit betrogen und belogen.29
24 i.e. Qutuytu Noyan. Vgl. Kirakos (wie Aran. 1), S. 200. Zu Qutuvtu Noyan: ebda., Anm.
29, S. 203.
25 Kirakos (wie Anm. 1), S. 203. Laut Ratchnevsky (wie Anm. 5), S. 16 und Anm. 70 war
das Lichtempfangnismotiv unter den Nomaden verbreitet. So bei den Kitan; Vgl. auch
Poucha (wie Anm. 7), S. 448.
26 Vielleicht deutet die Legende auf die fremde Abstammung des Vaters hin. Vgl. Rat-
chnevsky (wie Anm. 5), S. 13. Ad Alan Qo'a: Poucha (wie Anm. 7), S. 444-449.
27 GG (wie Anm. 7), § 21, S. 8. Ahnlich: Altan Tobci (wie Anm. 3), S. 115 und Krause (wie
Anm. 10), fol. la, S. 8.
28 Auch anderen muslimischen Autoren ist die Geschichte gelaufig, vgl. Dobrovits (wie
Anm. 7), S. 273-275.
29 Al-TJmari, Das Mongolische Weltreich. Al-'Umari's Darstellung der mongolischen Rei-
che in seinem Werk Masalik al-absar fi mamalik al-amsar mit Paraphrase und Kom-
mentar herausgegeben von K. Lech (= AF 22). Wiesbaden 1968, S. 92. Zur Geburt vgl.
ebda., Anm. 19, S. 178-181. Die Genealogie der Tschinggisiden wird ebenso von alten
indischen Dynastien abgeleitet. Vgl. K. Jahn, „An Indian legend on the descent of the
Mongols," Charisteria Orientalia (1956), S. 120-123. Zur EmpfMngnis Jesu siehe: Neues
Testament, Mt. 1,18-25 und Lk. 1,26-38. Es verwundert kaum, wenn Tschinggis im Zuge
synkretistischer StrOmungen von muslimischen Geschichtsschreibern die Gabe des
Prophetismus zugestanden bzw. ihm der Status eines Erloser zugebilligt wird. In einer
Fatwa wird er sogar Mohammed gleichgestellt. Vgl. R. Amitai, „Did Chinggis Khan
Have a Jewish Teacher? An Examination of an Early Fourteenth-Century Arabic Text,"
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Johannes Steiner
Der mamlukische Chronist Ibn ad-Dawadarl (geb. um 1286) weifi in einer tur-
kisch-mongolischen Stammessage zu berichten, dass Tschinggis Khan der Nach-
fahre eines Neugeborenen war, das von einem Adler in die unzugangliche Wild-
nis entfiihrt und von einer schwarzen Lowin gesaugt und aufgezogen worden
war. Der „L6wenknabe" besafie ebenso wie seine Nachfahren, unter denen sich
auch Kulturheroen finden, ubermenschliche Krafte.30 In den zeitgenossischen
abendlandischen Quellen wird tiber Temudschins Geburt nichts Aufiergewohnli-
ches berichtet. Eine Quelle bescheinigt dem „grausamen Mann" immerhin eine
noble Abstammung.31 Dass Tschinggis Khan von edler Geburt gewesen sein soil,
wird in der GG an einer unerwarteten Stelle betont. Als namlich Tschinggis uber
Dschamuqa, seinen Jugendfreund und spateren Konkurrenten, der ihm uber lan-
gere Zeit die Stirn geboten hatte, triumphierte und dieser als Gefangener vor ihn
gebracht wurde, wird Dschamuqa in den Mund gelegt: Ich bin von edler, besonderer
Geburt. Durch die Majestat des Freundes von noch edlerer Geburt bin ich besiegt wor-
den.32
Wichtig ist hier festzuhalten, dass sich Tschinggis, der eine neue Ordnung, ba-
sierend auf Loyalitat und Leistung, einfuhrte, die groGteils mit den alten gentilen
Ordnungen brach, gegeniiber den Verfechtern der alten den Geburtsrechten an-
hangenden Tradition, wie sie Dschamuqa vertrat, durchgesetzt hatte und dies
aus dem Munde seines Gegners mit seiner edleren Geburt gerechtfertigt wird.
Dschamuqa vertritt (allegorisch) das Althergebrachte, er ist der Trager der Step-
pentradition, wohingegen Temudschin fur das neu Entstehende steht, als Ver-
korperung der Tradition des „Entwachsens".33
Journal of the American Oriental Society 124:4 (2004), S. 691-705. Auch in buddhistischen
Schriften finden sich solche Bestrebungen, Tschinggis Khans Herkunft von tibetischen
und mythologischen indischen Konigen abzuleiten und den darauf basierenden mon-
golischen „universellen Herrschaftsanspruch" religios zu begriinden. Franke (wie
Anm. 16), S. 46f., 54-58; W. Heissig, Die Familien- und Kirchengeschichtsschreibung der
Mongolen, Bd. 1,16.-18. Jahrhundert ( = AF, Bd. 5). Wiesbaden 1959, S. 13ff.
30 U. Haarmann, „Altun Han und Cingiz Han bei den agyptischen Mamluken bei den
agyptischen Mamluken," Der Islam. Zeitschrift fur Geschichte und Kultur des islamischen
Orients 51 (1974), S. 1-36, hier: S. 21-31.
31 C. de Bridia, „The Tartar Relation". Einleitung, Ubersetzung und Kommentar von G.
D. Painter, in Skelton-Marston-Painter, Hgg., The Vinland Map and the Tartar Relation.
New Haven-London 1965, § 3, S. 57.
32 Nach: E. Haenisch, Die Geheime Geschichte der Mongolen aus einer mongolischen Nie-
derschrift des Jahres 1240 von der Insel Kode'e im Keluren Flufi erstmalig ubersetzt
und erlautert von E. Haenisch. Leipzig 1941, S. 94. Vgl. dazu: GG (wie Anm. 7) § 38
bzw. § 40; § 201, S. 135; § 201, S. 134f. Dschamuqa wird in Folge ein koniglicher Tod
(ohne Blutvergiefien) gewahrt und ehrenvoll beigesetzt. GG (wie Anm. 7) § 201, S. 136.
Vgl. O. Lattimore, „Honour and loyalty: the case of Temtijin and Jamukha," in L. V.
Clark-P. A. Draghi, Hgg., Aspects of Altaic civilization II (= Proceedings of the XVIII
PAC, Bloomington, June 29-July 5,1975). Bloomington 1978, S. 136.
33 Vgl. M. Weiers, „Temudschin der Schwurbruchige," Zentralasiatische Studien 28 (1998),
S.33.
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Empfange und Du wirst einen Sohn gebAren, welcher der Herrscher ...
Die Idee von der himmlischen Abstammung Tschinggis Khans wurde in der
Folge noch weiter ausgebaut, es ist eine der Grundideen des mongolischen Rei-
ches, dass Tschinggis Khan und seine Nachkommen vom Himmel dazu auserko-
ren sind, iiber alle Volker der Erde zu herrschen. Selbst der ratselhafte Tod34
Tschinggis Khans konnte den Aufstieg der Mongolen nicht bremsen. Das Ver-
schweigen des Todeszeitpunktes und des Bestattungsortes35 kann urspninglich
durchaus politische Grunde gehabt haben, aber warum wurde die Todesart da-
nach verschwiegen? Vielleicht war sie einfach nur unspektakular oder eines
Khans nicht wiirdig; dass sie allgemein nicht bekannt war, bezeugen die wider-
spriichlichen Angaben in den Quellen.
Gestorben ist Tschinggis Khan irgendwann zwischen Mitte und Ende August
1227, wobei der genaue Todestag kaum mehr eruiert werden kann.36 Der To-
desort wird auf dem ehemaligen Gebiet von Hsia-Hsia zu suchen sein, wo
Tschinggis im Zuge seines zweiten Feldzuges gegen die Tanguten verstarb. Das
Grab wurde trotz einiger Expeditionen noch nicht gefunden und selbst wenn, ist
es fraglich, ob es zu einer Ergrabung kommen wiirde.37 Die Todesursache Cinggis-
khans ist offenbar nur wenigen Personen seiner nachsten Umgebung bekannt gezvesen.38
Durch das Verschweigen seines Todes und der naheren Umstande konnte auf
den laufenden Kin-Feldzug, der Reputation des Herrschers oder die gesicherte
Thronfolge Riicksicht genommen worden sein. Tschinggis Khan soil laut Raschid
ad-Din (1247-1318) selbst auf seinem Sterbelager gesagt haben: Macht meinen Tod
nicht bekannt, weint und klagt in keiner Weise, damit der Feind nichts davon erfahre.39
Was die Todesart Tschinggis Khans angeht, mochte ich mich hier eines Aus-
schlussverfahrens bedienen, urn zumindest die weniger wahrscheinlichen Uber-
lieferungen zu enttarnen: Zunachst ware da die Version der Franiskanerpater Jo-
34 E. Haenisch, „Die letzten Feldztige Cinggis Han's und sein Tod. Nach der ostasiatis-
chen Uberlieferung," Asia Maior 9 (1933), S. 503-551; D. C. Wright, „The Death of
Chinggis Khan in Mongolian, Chinese, Persian, and European Sources," in A. Berta,
Hg., Historical and linguistic interaction between Inner-Asia and Europe (= Proceedings of
the 39* PIAC, Szeged, Hungary, June 16-21,1996). Szeged 1997, S. 425-433; Drobyshev
(wie Anm. 21), S. 65-92; B.-O. Bold, „Death and burial of Chinggis Khan," Central Asian
Survey 19, 1 (2000), S. 95-115. Bold vertritt die These der Einascherung Tschinggis
Khans. Als Bsp. fur einen Roman: Anslavs Eglitis, Dschingis Khans Ende. Aus dem Let-
tischen tibertragen von Charlotte Torp. Hamburg 1968.
35 Zum Bestattungsort u.a. J. A. Boyle, „The burial place of the Great Khan Ogodei," Acta
Orientalia 32 (1970), S. 45f.; ders., „The thirteenth-century mongols' conception of the
after life. The evidence of their funerary practices," Mongolian Studies 1 (1974), S. 8-10.
36 Vgl. Pelliot (wie Anm. 5), S. 305-309.
37 Schon aus der Ming-Dynastie (1368-1644) gibt es Berichte iiber diesbezugliche Nach-
forschungen, die unter den nachfolgenden Herrschern fortgefiihrt wurden. Unter dem
lamaistischen Einfluss wurde die Suche nach dem Grab schliefilich Tabu. Vgl. Bold
(wie Anm. 34), S. 95, 111; M. Zick, „Der erste Global Player," Bild der Wissenschaft 12
(2000), S. 69; Drobyshev (wie Anm. 21), S. 84f.
38 Ratchnevsky (wie Anm. 5), S. 126.
39 Ubersetzung: B. Spuler, Geschichte der Mongolen. Nach ostlichen und europaischen Zeug-
nissen des 13. und 14. Jahrhunderts. Stuttgart 1968, S. 54.
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Johannes Steiner
hannes de Piano Carpini und C. de Bridia anzuzweifeln. Beide, im Auftrage des
Papstes zu den Mongolen gereist, berichten Mitte des 13. Jahrhunderts nSmlich,
dass ein Blitzschlag dem Leben des Mongolenherrschers ein jahes Ende bereitet
hatte.40 Bridia und Carpini sind die Einzigen, welche von diesem todlichen Blitz-
schlag (ein Tod, den iibrigens auch der hunnische Konig Ruga erlitten haben soli)
berichten. Woher sie diese Erzahlung haben, ist fraglich.41 Der Blitztod wurde bei
den Mongolen als Strafe empfunden, der Leichnam eines derart Getoteten gait als
unrein.42 Man hatte grofie Angst vor Blitz und Dormer. Wer von Blitzschlag
heimgesucht wurde, verlieG seinen Besitz und kehrte erst ein Jahr spater zu-
riick.43
Ebenso unglaubwiirdig erscheint auch die Version Marco Polos,*4 der als Er-
klarung eine im Kampf erlittene Verletzung anfuhrt: Am Ende des sechsten Jahres
[gerechnet nach seinem Sieg iiber den Priesterkonig Johannes] kampfte er vor einer
Festungsanlage namens Caagiu; ein Pfeil verletzte ihn am Knie; an der Wunde ist er ge-
storben.45 Obwohl sowohl Todeszeitpunkt als auch die angegebene Ursache des
Todes - eine Verletzung durch einen Pfeil am Knie - irrig sind, enthalt Marco Po-
los Bericht dennoch ein Kornchen Wahrheit. Tschinggis Khan wurde namlich tat-
sachlich im Jahre 1212 bei der Belagerung der Kin-Westhauptstadt „Hsi-ching"
40 [...] ab ictu tonitrui est occisus: J. Giefiauf, Die Mongolengeschichte des Johannes von Piano
Carpine. Einfuhrung, Text, Ubersetzung und Kommentar (= Schriftenreihe des Instituts
fur Geschichte 6) Graz 1995, cap. V, 19, S. 98; [...] a tonitruo divino iudicio est percussus.
Bridia (wie Aran. 31), § 16, S. 67.
« Wright (wie Anm. 34), S. 427f.
42 Carpini erwahnt im Zusammenhang mit mongolischem Aberglauben gehauftes Auf-
treten von Gewittern und oftmaligem Blitztod. Die Habe der Blitzopfer gait als unrein
und es erfolgten entsprechende Reinigungsriten. Man hatte auch Angst davor, durch
Waschewaschen den Blitze schleudernden Himmelsgott zu erziirnen. Vgl. Carpini (wie
Anm. 40), S. 128,143,147 und Anm. 413. Diese Angst vor Blitzen wird auch von ande-
ren Autoren belegt: ebda. S. 143, Anm. 392. Painter vermutet, dass der Tod durch einen
Blitz aufier im negativen Sinne auch als Apotheose verstanden werden kOnne, da der
Blitztod durch Tengri, den hochsten Gott, hervorgerufen wurde. Der vom Blitz Ersch-
lagene ware also in diesem Falle nicht von Gott bestraft, sondern als ein Heiliger anzu-
sehen. Vgl. Bridia (wie Anm. 31), § 16, Aran. 2, S. 68.
43 Vgl. Meng-Ta pei-lu und Hei-Ta shih-lueh. Chinesische Gesandtschaftsberichte iiber die
friihen Mongolen 1221 und 1237. Nach Vorarbeiten von E. Haenisch und Yao Ts'ung-
wu iibersetzt und kommentiert von P. Olbricht und E. Pinks (= Asiatische Forschun-
gen 56). Wiesbaden 1980, cap. 33, S. 159. Wenn sie den Donner horen, fiirchten sie sich sehr
und wagen keinen Kriegszug. Sie sagen: „Der Himmel ruft." Ebda., cap. 15, S. 77.
44 Vgl. Pelliot (wie Anm. 5), S. 328.
45 Marco Polo, Die Wunder der Welt, II Milione. Die Reise nach China an den Hof des Kublai
Khan. Ubersetzung aus den altfranzosischen und lateinischen Quellen und Nachwort
von E. Guignard. Frankfurt am Main 2003, cap. 68, S. 90f. Marco Polo vermerkt: Das
[Tschinggis Khans Tod] war ein grofies Ungliick; denn er ist ein kluger und tapferer Herr-
scher gewesen.
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Empfange und Du wirst einen Sohn gebAren, welcher der Herrscher ...
(Si-King oder Xijing) durch einen Pfeil verletzt. Allein, dass Tschinggis nach
funfzehn (!) Jahren an dieser Wunde verstorben sein soli, ist nicht zu glauben.46
In das Reich der Legenden ist ebenso die Version Dschusdschanis zu verwei-
sen, die sich u.a. bei SaSe findet. Dschusdschani, der selbst an Kampfhandlungen
gegen Mongolen beteiligt war, berichtet Mitte des 13. Jahrhunderts, dass beim
zweiten Feldzug gegen die Tanguten deren Herrscher47 vor seiner Hinrichtung
prophezeit habe, dass, wenn aus der ihm bei der Hinrichtung zugefiigten Wunde
Blut fliefien solle, das wie weifie Milch aussehen wlirde, Tschinggis Khan in-
nerhalb von drei Tagen den Tod finden wiirde. Als aus der Wunde tatsachlich
weifies Blut floss, ware Tschinggis Khan so ergriffen gewesen, dass ihn sein Herz
- drei Tage nach Hinrichtung des Tanguten - in Stich liefi und er „zur Holle
fuhr".48
Bis dato ist ungeklart, ob Tschinggis Khan vor oder nach der erfolgten Hin-
richtung des Tanguten-Herrschers verstarb. Wenn er aber tatsachlich vor der Ka-
pitulation der Tanguten gestorben ist, dann sind alle damit verbundenen Ge-
schichten, wie die Dschusdschanis, des Altan tob£i oder SaSe in das Reich der
Legenden zu verweisen.
Dieselbe, etwas ausgeschmucktere Prophezeiung vom weifien Blut, gibt iiber
400 Jahre nach Tschinggis' Tod auch SaSe's wieder. Bei ihm wird Tschinggis
Khan letztlich nicht Opfer seines schwachen Herzens, sondern der zuvor von ihm
heifi begehrten Tangutenkonigin Kurbeldschin. Tschinggis Khans Seele fahrt
desweiteren nicht in die Holle, sondern es ist ihm vergbnnt, in die entgegenge-
setzte Richtung zu entschweben. SaSe schreibt: In der folgenden Nacht, da der Herr-
scher im Schlafe lag, tat Kurbeldschin Goa seinem Korper ein libel an, wovon er schwach
und ohnmachtig wurde.i9 Welches Ubel sie seinem Korper angetan haben soil, ist
hier nicht spezifiziert. Als Hinweis konnte man die Stelle auffassen, bei der der
Tangutenherrscher vor seinem Tod Tschinggis Khan riet, Kurbeldschin - bevor er
46 Vgl. Pelliot (wie Anm. 5), S. 328. Immerhin schien die damalige Verwundung aber
schwer genug gewesen zu sein, urn die Belagerung abzubrechen; doch schon bald da-
rauf war er wieder auf dem Schlachtfeld anzutreffen. Vgl. die Belegstelle in: Krause
(wie Anm. 10), fol. 16a, S. 31.
47 Zur widerspriichlichen Uberlieferung der Ereignisse des letzten Feldzuges Tschinggis
Khans und zur Rolle des Tangutenherrschers inklusive der auf Aberglauben zuriickzu-
fuhrenden Umbenennung desselben vor der Hinrichtung vgl. insbes. Haenisch (wie
Anm. 34), S. 545-547.
48 H. G. Raverty, Abu Umar Usman ibn Muhammad al-Minhaj-e-Siraj al Juzjani: Tabakat-i-
Nasiri: A General History of the Muhammadan Dynasties of Asia, Including Hindus-
tan; from A.H. 194 (810 A.D.) to A.H. 658 (1260 A.D.) and the Irruption of the Infidel
Mughals into Islam. New-Delhi 1970 (Reprint der Erst-Ausgabe von 1881), S. 1096.
Auch im Fakihat des Ibn 'Arabshah fahrt Tschinggis Khan nach seinem Tod into the
lowest of hells. Vgl. R. G. Irwin, „What the partridge told the eagle: A neglected arabic
source on Chinggis Khan and the early history of the Mongols," in R. Amitai-Preiss,
D. O. Morgan, Hgg., The Mongol Empire and its Legacy. Leiden-Boston-Koln 1999, S. 7.
4? SaSe (wie Anm. 23), S. 128.
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Johannes Steiner
mit ihr die Nacht verbringe - am ganzen Korper sorgfaltig zu untersuchen.50
Ratchnevsky interpretiert dies als Verwundung am Zeugungsorgan mit Todes-
folge.51 Haenisch spricht von einer Vergiftung.52
Wie ihm Kiirbeldschin in der Erzahlung SaSe's das Leben nahm, ist also un-
gewiss, es scheint aber, dass wir es hier mit einem Marchenerzahlmotiv zu tun
haben, bei dem der unsterbliche Khan nur von einer Frau besiegt werden kann.53
Heissig favorisiert hingegen einen politischen posthumen Rufmord.54 Mongoli-
sche Historiker des 18. und 19. Jahrhunderts weisen die Erzahlung auf das
Scharfste zuriick und sehen darin eine bose Verleumdung.55 Es ware verstand-
lich, wenn diese Art des Todes geheim gehalten worden ware.56 Die Theorie, dass
Kiirbeldschin Schuld am Tod Tschinggis Khans hatte, wird wieder in der neueren
Forschung vertreten.57
In Raschid ad-Dins Schilderung nehmen die letzten Ereignisse im Leben
Tschinggis Khans einen vielfach realistischeren Verlauf. Er stirbt infolge einer
Krankheit, by reason of that condition which no mortal can escape.5* Genaueres, zu-
mindest, was die Ursache betrifft, scheint sein Landsmann Dschuwaini zu wissen,
denn er gibt als Grund fur die Erkrankung ebenso wie der zur selben Zeit schrei-
bende syrische Gelehrte Bar Hebraeus (1225-1286)59 das ungesunde Klima an (Ty-
50 Vgl. SaSe (wie Anm. 23), S. 126f. Im Altan tobci wird Tschinggis Khan geraten, er solle
die Konigin ebenfalls durchsuchen - angefangen bei ihren „schwarzen Fingernageln".
Altan Tobci (wie Anm. 3), § 42f, S. 140f.
51 Vgl. Ratchnevsky (wie Anm. 5), S. 127. Mongolische Chroniken spezifizieren den ge-
waltsamen Tod Tschinggis Khans mit dem Erzahlmotiv der vulva dentala. Vgl. SaSe
(wie Anm. 23), Anm. 58, S. 472f.; Wright (wie Anm. 34), S. 28; in W. Heissig, Die Mon-
golen. Ein Volk sucht seine Geschichte. Diisseldorf-Wien 1979 heifit es auf S. 144, dass
eine Chronik des frtihen 17. Jh/s schildere, dass sich Kiirbeldschin ein Zarigelchen in
ihr Geschlechtsteil eingefiihrt hatte.
52 So: Haenisch (wie Anm. 34), S. 548.
53 Anregung von A. Birtalan.
54 Heissig (wie Anm. 51), S. 145.
55 Vgl. Wright (wie Anm. 34), S. 429. Der mongolische Historiker Sumba-Khambo (18. Jh.)
sieht in dieser Tschinggis Khan degradierenden Form des Todes ein Geriicht, das von
Qasar's Sohn ausgestreut wurde. Vgl. Drobyshev (wie Anm. 21), S. 88, Anm. 66.
Bold (wie Anm. 34), S. 97.
57 Wahrend Wright noch von der possibility that she could have assasinated Chinggis
Khan in some way" spricht, ist sich der mongolische Forscher Bold dessen sicher. Vgl.
Wright (wie Anm. 34), S. 432; Bold (wie Anm. 34), S. 111.
58 Rashid al-Din: The Successors of Genghis Khan. Aus dem Persischen iibersetzt von J. A.
Boyle. New York-London 1971, S. 29. Vgl. auch die Ubersetzung der Textstelle den
Tod Tschinggis Khans betreffend bei Raschid ad-Din in Spuler (wie Anm. 39), S. 53f.
59 [...] a severe sickness attacked him, and it was due to the excessive (moisture) of the atmosphere.
And having despaired of obtaining help from the physicians, [...] his illness grew more severe,
and he departed from the world... Nach: Bar Hebraeus, The chronograph)) of Gregory Abul
Fraaj, the son of Aaron, the Hebrew physicioan, commonly known as Bar Hebraeus: being the
first part of his political history of the world. Aus dem Syrischen iibersetzt von E. A. Wallis
Budge. Piscataway 2003, S. 390.
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Empfange und Du wirst einen Sohn gebAren, welcher der Herrscher ...
phus, Malaria?),60 welches seinen Tod verursachte.61 Tschinggis Khan selbst hatte
gemafi Dschuwaini seinen nahen Tod erkannt und zu seinen Sohnen gesagt: „The
severity of my illness is greater than can be cured by treatment. "62 Obwohl es in der
GG zum Tode Tschinggis Khans schlussendlich nur lapidar heifit: Er katn und
vernichtete das Tang"ut-Volk, und im Schweine-Jahr (1227) stieg Cinggis Qahan zum
Himmel auf,63 wird zuvor ein Ereignis geschildert, welches sehr wohl mit seinem
Tod in engem Zusammenhang stehen diirfte. Es ist dies die Schilderung eines
schweren Reitunfalles im Zuge des zweiten Tangutfeldzuges.64 Bei der Jagd auf
Wildpferde scheute namlich sein Rotschimmel, sodass er vom Pferd sturzte und
„sein Korper sehr schmerzte". Im daraufhin eilig aufgeschlagenen Lager ver-
bringt der Khan „die Nacht mit heifiem Korper"65, er zieht aber trotzdem, obwohl
nicht genesen, ins Feld, worauf sich sein Gesundheitszustand verschlechtert und
er verstirbt.66
60 Laut Haenisch (wie Anm. 34), S. 548 ist iiberliefert, dass Tschinggis Khan sich ebenso
wie viele seiner Soldaten dieses Fieber (eventuell Typhus) bei der Einnahme der Stadt
Dormegei geholt hatte. Desweiteren ist auch von Malaria die Rede. Vgl. Ratchnevsky
(wie Anm. 5), S. 127; Bold (wie Anm. 34), S. 96 bezugnehmend auf Pelliot (wie Anm. 5),
S. 328.
61 [...] he was overcome by an incurable disease arising from the insalubrity of the climate. Nach:
Ala ad-Din ~Ata Malik Juvaini, The History of the World Conqueror. Obersetzung des
Textes von Mizra Muhammad Qazvini von J. A. Boyle mit einer neuen Einftihrung und
Bibliographie von D. O. Morgan. Manchester 1997, S. 180f. Dschuwaini zufolge wollte
man ihn zu seiner Erleichterung und der Verbesserung seines Gesundheitszustandes
in eine klimatisch angenehmere Gegend bringen, was auch anderweitig bestatigt wird
(GG § 266).
m Boyle (wie Anm. 61), cap. 29, S. 180f.
m GG (wie Anm. 7), § 268, S. 200.
64 Pelliot kommt zu dem Schluss, dass der Sturz von seinem Pferd Dschosotu-boro wohl
der wahrscheinlichste Grund fur Tschinggis Khans Versterben ist. Pelliot (wie Anm. 5),
S. 329. Taube (wie Anm. 7), S. 266, Anm. zu Seite 200 stellt fest, dass Tschinggis sicher
an den Folgen des Sturzes vom Pferd starb. Ebenso Haenisch: [Die GG] meldet den Tod la-
konisch. Da es jedoch von einem schweren Sturz vom Pferde im Herbst des Vorjahres berichtet,
mitfolgendem Fieber, ware man geneigt, hiernach eine innere Verletzung als Todesursache an-
zunehmen. Haenisch (wie Anm. 34), S. 547. Das der GG nahe stehende Yiian-shih spricht
sich zwar nicht naher tiber die Todesursache aus, verneint aber ebenso einen plotzli-
chen Tod: Vgl. Krause (wie Anm 10), fol. 22a-b, S. 40f.
« GG (wie Anm. 7), § 265, S. 196.
66 Als Omen seines baldigen Todes erscheint Tschinggis Khan im Yuan-shih (Krause (wie
Anm. 10), fol. 21a, S. 39 und im Erdeni-yin tobtschi, SaSe (wie Anm. 23), S. 116f. auf ei-
nem Feldzug gegen Indien ein Einhorn, woraufhin er umkehrt. Laut Haenisch (wie
Anm. 34), S. 543 hat aber Tschinggis Khan an keinem solchen militarischen Untemeh-
men teilgenommen. Ad Tod verkiindende Vorzeicheru N. Th. Katanoff, „Uber die Bes-
tattungsgebrauche bei den Turkstammen Central- und Ostasiens," Keleti Szemle 1
(1900). Wieder abgedruckt in: Indiana University Publications ofUralic and Altaic Studies,
66:1 (1966), S. 285f. Der baldige Tod Hulagus wird bei Grigor von Akanc' durch einen
Kometen angezeigt: History of the Nation of the Archers (the Mongols) by Grigor of Akanc'.
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Johannes Steiner
Konkret ist die Todesursache also nicht auszumachen. Es scheint, als ware sie
- ebenso wie der Ort seiner letzten Ruhestatte - zu einem Tabu erhoben wor-
den.67 Warum sollte aber nicht dem Eroberungsdrang des immerhin iiber 60 Jah-
re alten Khans durch einen Reitunfall und Fieber, ein Ende bereitet worden sein?
Es ware dann aber Ironie des Schicksals, wenn er gerade durch das Bocken eines
jener Pferde, auf deren Riicken er und sein Volk sich aufmachten, ein Weltreich
von nie da gewesener GrSfie zu erobern, zu Fall gekommen ware.
Die Phantasie der Menschen und die Feder einfallsreicher Gelehrter haben
den Mongolenkhan zwar der fur uns nachvollziehbaren Wahrheit entrissen, ihm
aber durch die ihn umrankenden Legenden das beschert, was er am Ende seiner
Tage verzweifelt gesucht hatte - Unsterblichkeit.
Hithertho ascribed to Mayak'ia the Monk. Armenischer Text, englische Ubersetzung und
Kommentar von R. P. Blake und R. N. Frye, Hgg., Cambridge 1954, S. 351.
67 Vgl. Bridia (wie Aran. 31), § 16, Aran. 2, S. 68.
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CHRONICA
ANNUAL OF THE INSTITUTE OF HISTORY
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